Was mir das Tanzen für mein Leben gelehrt hat – Wirkliches Zuhören

von | Aug 28, 2017

Als ich letzte Woche für einen Blog ein Interview zu meiner Arbeit als Tanzlehrerin und Psychologin geben durfte, bin ich nochmals intensiv mit den Schnittstellen beider Berufe in Berührung gekommen. Wenn mich Leute fragen, warum ich denn keine Tanztherapeutin geworden bin, sage ich immer, dass ich es total schätze, zwei abgetrennte Arbeitsbereiche in meinem Leben zu haben. Je mehr ich aber darüber nachdenke, desto mehr merke ich, dass sie gar nicht so voneinander losgelöst sind, sondern dass sie sich vielmehr kontinuierlich beeinflussen.

Wirkliches Zuhören – auditiv

Eine der Qualitäten, die eine psychologische Beraterin ausmacht, ist das aktive Zuhören. Mit aktivem Zuhören, meine ich die Einstellung „wirklich“ zuhören zu wollen „uns selbst völlig loszulassen, alle Informationen, Konzepte, Vorstellungen und Vorurteile fallenzulassen, mit denen unsere Köpfe so vollgestopft sind.“ wie es Sogyal Rinpoche ausdrückt. „Wirkliches“ Zuhören lässt sich auf sein Gegenüber ein, nimmt diesen an, wie er oder sie ist und versucht die Dinge in dem Kontext des anderen zu sehen und nicht im eigenem. Das heißt wiederum nicht, dass man sich als zuhörende Person gänzlich verliert. Mit dem Zuhören zugleich bietet sich eine psychologische Beraterin als authentischen Resonanzkörper an – d.h. ich schildere, was in mir vorgeht, nachdem ich mit einem aktivem Ohr zugehört habe; ich erläutere, welche Regungen ich in mir spüre. Diese Resonanz ist aber tatsächlich nur als Angebot gemeint. Der*die Ratsuchende darf die Resonanz reflektieren und gegebenenfalls auch ablehnen.

Eine solche Art der Kommunikation zeigt sich nicht nur in der Beratung, aber auch in den ganz alltäglichen, zwischenmenschlichen Beziehungen als erfolgsweisend. Sehr oft hören wir unseren Mitmenschen im Alltag nicht wirklich zu, sondern warten mehr oder minder geduldig darauf endlich zu Wort zu kommen. Dass dies kein Dialog, sondern nur die Aneinanderreihung mehrerer Monologe ist, fällt den wenigsten auf.

Wirkliches Zuhören – körperlich

Ich kann gar nicht genau sagen, ab wann ich bemerkt habe, dass im Paartanz die selben Mechanismen ablaufen wie in der alltäglichen, verbalen Kommunikation. Anfangs konnte ich es nur ganz vage ausdrücken. Als langjährige Tänzerin hatte ich schon sehr viele Tänze mit verschiedenen Menschen. Manchmal kam ich total beflügelt aus einem Tanz heraus und manchmal hinterließ der Tanz eher ein dumpfes, monotones Gefühl. Rückblickend kann ich es nun besser greifen – mit manchen Tänzern entstand ein wirklicher, körperlicher Dialog, während es mit anderen Tänzern lediglich darum ging, sich gegenseitig sein Können unter Beweis zu stellen. So wie zwei Menschen, die sich in einer Diskussion um die besseren Argumente streiten.

Wir hören mit dem Körper – wir antworten mit dem Körper. Wenn wir im Tanz als Folgende nur „Anweisungen“ hören, weil unsere Führende nur ein Befehl nach dem anderen geben, werden wir die ganze Zeit nur mit der Ausführung dieser beschäftigt sein. Ein wirkliches, tänzerisches Gespräch kommt dadurch nicht zustande. Viel bereichernder ist es, wenn die Führung Fragen stellt, denen ich mit meinen ganzen Körper zuhöre, bevor ich dann auf diese Fragen antworte. Auch hier kommt „wirkliches“ Zuhören ins Spiel – inwiefern bin ich bereit, mich wirklich auf mein tänzerisches Gegenüber einzulassen, so wie er oder sie ist? Inwiefern ist er oder sie bereit, meine Resonanz anzunehmen und auch Konfrontationen zuzulassen? Für mich entsteht die Magie des Tanzes dann, wenn wir beide uns gegenseitig „wirklich“ zuhören und uns beiden dann anschließend was zu sagen haben – und zwar mit unserem Körper.

Die Schnittstellen

Je mehr ich also über verbale Kommunikation lerne und lehre, desto mehr merke ich, wie mich das als Tänzerin auch besser zuhören und fragen lässt. Das gleiche funktioniert auch rückwirkend. Und so kann ich jedem empfehlen, sich auf das Abenteuer Paartanz mal einzulassen und zu spüren, was es mit ihm oder ihr macht. Vor allem lege ich allen ans Herz auch die verschiedenen Rollen im Führen und Folgen einzunehmen. Seitdem ich angefangen habe, auch mal in die Rolle der Führenden zu schlüpfen, habe ich gemerkt, wie sich mein Verständnis für die Rolle der Folgenden erweitert hat. Durch das Führen, wurde ich eine bessere Folgende. Durch das Folgen, wurde ich eine bessere Führerin. Und in unserer alltäglichen Kommunikation ist es nicht anders.

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