Focusing

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Angenommen, der Leib als Informationsträger hat unser Interesse geweckt und wir möchten ihn nun als Quelle der Erkenntnis nutzen. Wir erinnern uns, dass der leibliche Körper die Fähigkeit besitzt, auf alle Erfahrungswerte, die wir in unserem ganzen Leben gemacht haben, mit einem Mal zu zugreifen. Dabei stellt sich die Frage, wie wir an diese Informationen gelangen. Oder anders gefragt: Wie suchen wir das Gespräch mit unserem Leib?

Der Philosoph und Psychotherapeut Eugene T. Gendlin eröffnet uns seit den 1970er Jahren die Möglichkeit, durch Focusing, den körperlichen Leib zum Tee einzuladen

I.Den Tisch decken oder in sich gehen

Die meisten von uns, hatten nicht viele bewusste Begegnungen mit unserem körperlichen Leib, daher könnte das erste Treffen mit etwas Nervosität behaftet sein. Betrachten wir den Leib einmal als einen weit gereisten Freund, der uns eigentlich sehr nahe stand. Jetzt jedoch halb aus den Augen verloren und mit all der Zeit zwischen den spärlichen Treffen, haben wir den Eindruck, dass er mehr zu einem Bekannten wurde. Doch das möchten wir heute ändern. Wir haben uns zum Tee verabredet.

Bevor wir also mit unserem Leib in Kontakt treten, wollen wir die richtige Gesprächsatmosphäre entstehen lassen. Wir sorgen für ausreichend Zeit, suchen ein ruhiges Plätzchen und statt Kekse packen wir etwas Geduld ein.

Nun beginnen wir das Gespräch, lenken die Aufmerksamkeit auf den Körper und schaffen uns so einen Raum für das Folgende. Um das Eis zu brechen, behaupten wir einfach (und dabei ist es absolut nicht relevant, in wie weit die Aussage richtig ist): „Mein Leben läuft derzeit einfach glänzend. Ich bin völlig zufrieden damit!“ Wir sprechen es laut aus und lassen das gesagte einen Moment wirken und konzentrieren uns dabei auf unseren Leib und dem Bereich des Torsos. Mit etwas Übung merken wir prompt eine Reaktion des Körpers, eine sogenannte leibliche Resonanz, auf unsere Aussage. Der Leib spricht am deutlichsten, wenn sich etwas unstimmig  anfühlt oder im Gegensatz sehr stimmig. Eine so absolut formulierte Aussage, wird mit großer Wahrscheinlichkeit etwas Widerwillen in uns auslösen.

II.Den Gast zu Tisch bitten oder die leibliche Resonanz zulassen

Dieser Widerwillen oder dieses Etwas, was sich dort meldet, bezeichnet Gendlin als Felt Sense. Nennen wir es einmal leibliche Resonanz. Die leibliche Resonanz ist körperlich spürbar. Auch wenn er nicht sofort benennbar ist wie ein Gefühl der Angst oder eine rein körperliche Wahrnehmung wie Kopfschmerzen, ist er doch eindeutig da und insoweit unmissverständlich, da wir unmittelbar erkennen können, dass etwas (nicht) stimmig ist. Ein (Un-)behagen tritt auf. Dieses kleine Unbehagen kann in der Körpermitte auftreten. Im Alltag sagen wir daher oft, dass wir ein mulmiges Bauchgefühl haben, doch der Leib meldet sich nicht nur im Bauch, er kann auch in der Brust aufsteigen oder uns die Kehle zuschnüren. Er äußert sich auf vielfältige Weise. Und nach einer solch kühnen Aussage wird er das vermutlich auch. Absolute Aussagen sind in unserem Leben eher rare Erscheinungen. Natürlich läuft nicht immer alles glänzend.

Welche leibliche Reaktion wir auch auf die Aussage bekommen, wir lassen alles zu, was zu uns durchdringt. Der Schritt des Empfangens ist ein Annehmen, von dem, was kommt. Selbst die kleinsten inneren Bewegungen sollen Beachtung erhalten und ein Innehalten ermöglicht werden, sodass die leibliche Resonanz aus dem Verborgenen erscheinen und sich entfalten kann. Dabei versuchen wir soweit es geht, in die Position einer Beobachterin zu gehen. Das, was wir erspüren ist etwas Tieferes als ein bloßes Gefühl oder ein Gedanke. Es ist etwas anderes als die „großen Gefühle“, wie Gendlin es so schön sagt. Es ist die geballte Information unseres Lebens.

III. Das richtige Thema finden

Obwohl wir alles, was wir erspüren fürs erste zulassen, versuchen wir doch, das Aufkommende mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Wir beobachten nur, ohne dabei völlig in den Emotionen zu versinken, die dort eventuell auf uns warten mögen. Es ist unsagbar wichtig, die leibliche Resonanz zu zulassen ohne ihr zu kritisch gegenüber zu stehen. Eine zu große Skepsis am Anfang kann dazu führen, dass wir uns nicht ausreichend Raum geben, sie zu erspüren.

Wenn wir eine Ahnung davon bekommen, wie sich die leibliche Resonanz anfühlt, konzentrieren wir uns auf das, was gerade nach unserer Aufmerksamkeit verlangt. Hierzu fokussieren wir erneut unsere Körpermitte. Hat die Aussage, dass alles glänzend läuft, ein Widerwillen gegenüber einer bestimmten Situation erzeugt, betrachten wir diese Situation etwas genau. Wir laden eine neue Reaktion ein, indem wir die leibliche Resonanz auffordern sich zu konkretisieren. Zum Beispiel mit einer weiteren laut ausgesprochenen Aussage wie: „Ich habe wirklich ein gutes Gefühl bei dieser Sache.“ Hier kann der neue Job, unsere Beziehung oder dergleichen eingesetzt werden, was auch immer nach unserer Aufmerksamkeit verlangt hat.

Die leibliche Resonanz darauf, darf verschwommen, etwas kläglich und sogar bedeutungsfrei sein. Das wichtige ist, diese leibliche Resonanz eine Zeit lang zu begleiten und mit ihr in Berührung zu kommen und so dieses Etwas ein kleines bisschen besser kennen zu lernen.

 IV. Einen Griff und den passenden Tee finden

Wenn wir den Leib dazu auffordern seine Erfahrungen zu teilen, so spricht er häufig in gespürten Bildern, die im Laufe des Prozesses, eine Metapher, eine Geste, einen Namen oder wie Gendlin es nennt: einen Griff erhalten. Wir versuchen das Gefühlte so genau wie möglich zu beschreiben. Dabei soll sich dieser Griff nicht auf das Problem selbst, sondern auf die körperlich leiblichen Eigenschaften beziehen. So kann der Griff bspw. für eine ausweglose Situation so etwas sein, wie vor lauter Bäumen, den Wald nicht sehen oder verkeilte Anker auf dem Grund. Je nachdem welcher Griff am besten zu dem Gespürten passt.

V. Der Resonanz des Griffs nachspüren

Haben wir eine genaue Beschreibung des Gefühlten, gehen wir erneut in uns und spüren nach, ob dieser Griff tatsächlich treffend ist. Wir kosten einen Schluck des Tees, horchen in uns und prüfen mit dem ganzen leiblichen Körper, ob er der richtige ist. Wenn dem so ist, werden wir eine Erleichterung feststellen können, die körperlich spürbar ist. Dort, wo anfangs nur ein Unbehagen gefühlt wurde, entfaltet sich nun mit der richtigen Wortwahl bzw. dem passenden Griff etwas Konkreteres.

 VI. Fragen stellen oder mit dem Leib ins Gespräch kommen

Erst jetzt, wenn wir mit dem Leib warm geworden sind und der Tee sozusagen serviert wurde, stellen wir der leiblichen Resonanz Fragen. Wir fragen ihn völlig unvoreingenommen. Geradezu so, als hätte der Verstand sich noch nicht mit dem Problem beschäftigt, mit denen die leibliche Resonanz zusammenhängt. Dabei wird sie gefragt, was genau an der Thematik bspw. so verkeilt ist oder was es brauchen würde, damit ich mich okay fühle oder was es dann für ein Gefühl wäre…

Häufig beantwortet der voreilige Verstand die an die leibliche Resonanz gerichteten Fragen. Er kann angehört werden, da er sowieso keine Ruhe geben wird, bis dies geschieht, doch anschließend sollte die Aufmerksamkeit wieder bei der leibliche Resonanz liegen. Wenn sie durch die Unterbrechung verstummt, laden wir sie wieder ein und schaffen einen Raum, in der sie zu uns sprechen kann.

Wir führen ein (Beratungs-)Gespräch mit unserem Leib, in dem wir mit den Bildern und Metaphern arbeiten, die er uns anbietet. Vor allem dann, wenn etwas nicht eindeutig ist und der Eindruck entsteht, dass dort etwas ist, „das schwer zu beschreiben ist“, kann die leibliche Resonanz sehr bereichernd sein. Letztlich versuchen wir langsam ein Ende zu finden, in dem das Erlebte angenommen und geschützt wird. Nun haben wir weitere Informationen erhalten, die uns die nächsten Schritte in die richtige Richtung weisen können.

Eine Sache ist es, über die leibliche Resonanz zu lesen, die andere, sich ganz praktisch mit ihr auseinander zu setzen. Wir möchten Sie dazu einladen, diesen kostbaren Schatz zu erkunden. Lassen Sie uns gemeinsam mit Ihrem Leib einen Tee trinken.