Den Leib als Quelle der Erkenntnis nutzen

von | Aug 7, 2017

Es gibt Situationen, da ergreift uns ein Gefühl, erfüllt den ganzen Körper und weist uns in eine Richtung. Gehen wir den Schritt oder einen anderen? Bleiben wir dort, wo wir sind oder brechen wir auf in etwas Anderes, Neues, das uns schon so lange zu sich gerufen hat?  

Manche Fragen können wir mit unseren Gedanken alleine nicht lösen. Wir schaffen es nicht den einen passenden Gedankengang zu kreieren, der uns raus aus unserem Gedankenlabyrinth bringt, weil uns noch irgendeine Information fehlt. Wir drehen uns im Kreis. Selbst, wenn wir manchmal wissen, was der richtige, stimmige Weg für uns ist, wir sehen ihn nicht vor uns liegen.

Der Leib

Vielleicht ist gerade die Information, die uns fehlt, in unserem Leib vorhanden. Ich spreche bewusst von „Leib“, da er weit mehr ist, als ein Synonym für den Körper. In der Philosophie wird spätestens mit Plessner (1975) die Unterscheidung zwischen Körper-Haben und Leib-Sein etabliert. Der Körper wird hier als Materie verstanden, die uns als Werkzeug dient: Den Körper besitzen wir. Der Leib hingegen ist mit unserem unmittelbaren Sein verknüpft. Er stellt das innerlich Gespürte Selbst dar, kann eigenständig reagieren und dient als Verbindungspunkt zu unserer Umwelt und zu uns selbst. Der Leib ist somit weit mehr als ein bloßer Bestandteil eines Menschen, wie es beispielweise in der Trennung von Körper und Geist verstanden wird. Der Leib ist das Selbst. Durch ihn können wir uns in der Welt spüren, wahrnehmen, was uns Kraft verleiht oder uns betrübt. Durch ihn erfahren und erleben wir uns selbst.

Das gebündelte Wissen

Wir verfügen durch unsere lebensgeschichtlichen Erlebnisse eine persönliche Erkenntnis. Am eigenen Leib erleben wir ein ganzes Bündel voller Erfahrungen: Veränderungsprozesse in der persönlichen Biographie, Kompetenzen und Grenzen von Leistungen, körperliches Gebrechen, Lust- und Schmerzerfahrungen sowie deren Handhabung. Diese gebündelten Informationen sind eingebunden in den körperlichen Leib, sie sind inkorporiert. Dieses Wissen ist demnach nicht bloß in Gedanken vorhanden, sondern etwas Physisches: Es bleibt im Leib erhalten und wird stets auf dem Laufenden gehalten. Besonders deutlich zeigt sich dieses Wissen bei körperlichen Tätigkeiten, die nach einer bestimmten Zeit völlig ohne Gedanken funktionieren, wie bei eingeübten Figuren im Tanz, einer bestimmten Bewegung beim Sport, einem exakten Griff im Handwerk, dem passendem Fuß beim Bremspedal.

Der Leib und seine Ausdrucksweisen

Der körperliche Leib fühlt und kann gefühlt werden, er nimmt Kontakt zu unserer Umwelt auf, geht in Verbindung mit anderen Körpern (und Leibern), baut Beziehungen auf und führt uns wieder zu uns selbst: in Situationen der Trauer, der Freude, des Leidens, des Krankseins, der Selbstempfindung und des Ausdrucks. Er hält Informationen für unser Leben bereit. Warum sollten wir nicht mit jemanden das Gespräch suchen, der uns durch unser ganzes Leben begleitet (hat)?

Wenn wir den Leib dazu auffordern seine Erfahrungen zu teilen, so spricht er häufig in gespürten Bildern, die unterschiedliche Gefühle aufgreifen können. Körperliches bzw. leibliches Wissen jedoch als ein Ausschalten von mentalen Abläufen zu verstehen, wäre an dieser Stelle falsch. Vielmehr verändert sich das Gedachte. Gedanken entsprechen dabei weniger Worten als Bildern. Vielfältige Prozesse und Begebenheiten visualisieren sich in einer Art Film.

Dabei werden die mit den Sinnen direkt wahrnehmbaren Teile der Außenwelt mit sinnlichen Vorstellungen von Situationen aneinandergefügt, die selbst nicht (mehr) unmittelbar wahrnehmbar sind. Diverse Erlebnisse werden in Erinnerung gerufen, übereinandergelegt, in Beziehung gesetzt und gebündelt, sodass auch wenige nicht zueinander passende Informationen zu einem vielschichtigen Bild verflochten werden. Dieses Bild erlaubt unbekannte Begebenheiten zu deuten und zwar nicht durch eine logische Schlussfolgerung, sondern primär durch Assoziation, die sich aus den persönlichen Erfahrungen der jeweiligen Situationen ergeben.

Auf diese Informationen zugreifen

Obwohl leibliche Empfindungen nicht in direkter Form versprachlicht werden können, können sie als innere Kommunikationspartnerin verstanden werden. Leiblichkeit beinhaltet demnach eine eigene Reflexivität, die als Orientierungshilfe in unklaren Situationen dienen kann.

Eine Möglichkeit auf diese Informationen zurückzugreifen liegt in der Methode des Focusing, die der Philosoph und Psychotherapeut Eugene T. Gendlin in den 1970er Jahren entwickelte.

Da der leibliche Körper die Fähigkeit besitzt, auf alle Erfahrungswerte, neue wie alte, mit einem Mal zugreifen zu können, ist er den rein mentalen Vorgängen um einige Informationen voraus. Diese Informationen werden mithilfe des Felt Sense bereitgestellt.

Der Felt Sense ist rein theoretisch betrachtet ein sehr abstraktes Gebilde: Er befindet sich in einem Zwischenraum von Bewusstem und Unbewusstem und ist am Anfang des Prozesses begrifflich nicht wirklich leicht zu fassen und ein etwas vage Gespürtes. Doch auf der praktischen, gefühlten Ebene, ist er allzu deutlich da. Er ist körperlich bzw. leiblich spürbar. Auch wenn er nicht sofort benennbar ist, wie ein Gefühl der Angst oder eine rein körperliche Wahrnehmung wie Kopfschmerzen, ist er doch eindeutig da und insoweit unmissverständlich, da wir unmittelbar erkennen können, dass etwas (nicht) stimmig ist. Ein (Un-)behagen tritt auf.

Ins Gespräch treten

Konzentriert man sich nun auf dieses Etwas und achtet auf das, was körperlich und leiblich spürbar ist, wird ein erweitertes Bewusstsein möglich, das weit über die Emotion hinausgeht. Der Felt Sense beinhaltet, nicht nur die Emotion und die damit einhergehende affektive Ergriffenheit, sondern auch die Ursachen, die zu diesem Gefühl führten und auch die Bedürfnisse, die dahinter liegen. Er besitzt demnach mehr Tiefe als ein bloßes Gefühl, da er über all das verfügt, was zu der Emotion und der gefühlten Situation geführt hat und wie sie mit uns zusammenhängt.

In einem aufmerksamen Prozess wandelt sich der Felt Sense und wird konkreter. Er durchdringt sozusagen die Ebene des Unbewussten und kommuniziert mit uns.

Wie genau er das macht, wie wir dieses Gespräch mit dem Leib üben können und es für uns nutzen können, erfahrt Ihr in unserem nächsten Blog. Wir freuen uns auf euch!

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