Loslassen vs. Sein lassen. Der Schmerz nach einer Trennung.

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„Das musst du jetzt einfach hinter dir lassen“, „Du musst mit diesem Kapitel endlich abschließen“, „Du musst loslassen“… Schon mal solche und ähnliche Sätze gehört? Sehr oft hört man diese Aussagen nach dem Ende einer Beziehung, wenn Menschen unter starkem Trennungsschmerz leiden und andere einem helfen möchten. Sehr beliebt sind dann auch noch Ablenkungsstrategien. Direkt zur nächsten Party stürmen und sich mit einem anderen Menschen hinwegtrösten. Oder sich einfach in die Arbeit stürzen. Es sind gut gemeinte Ratschläge – keine Frage. Unsere Familienangehörige, Freundinnen und Freunde möchten uns einfach unter die Arme greifen und uns nicht leiden sehen.

Doch wie genau sieht dieses „loslassen“ aus? Bedarf es einfach Willenskraft? Muss ich mich jeden Tag aufs Neue zwingen gegen meine Gefühle anzukämpfen? Mich ablenken? Und hilft das wirklich, um über die Person hinweg zu kommen, die man einmal so innig liebte?

Die Angst vor Schmerz

Kaum ein Mensch geht durch das Leben, ohne einmal Trennungsschmerz zu erfahren. Es scheint eine zutiefst menschliche Erfahrung zu sein, die uns alle verbindet. Und dennoch versuchen wir Menschen diesem Verlustschmerz aus dem Weg zu gehen. Dies ist auch eine total nachvollziehbare und natürliche Reaktion. Wer empfindet schon gerne Schmerz? Leider merken wir nicht, dass wir uns damit Wachstumsmöglichkeiten berauben, die zu einer langfristigeren Zufriedenheit führen. Die Flucht vor Schmerzen geht meistens nur mit einer kurzfristigen Erleichterung einher.

Die Lernerfahrungen

Was machen Psychotherapeut*innen, wenn ein Mensch mit einer Angststörung zu ihnen in die Praxis kommt? Aus wissenschaftlicher Sicht, ist die Expositionstherapie die effizienteste Methode, um eine Angststörung zu behandeln. Sie würden mit einem Menschen, der beispielsweise an Höhenangst leidet, zu einem hohen Aussichtsturm gehen und ihn oder sie mit ihrer Höhenangst konfrontieren. Menschen, die sich darauf einlassen, machen dann eine heilende Erfahrung. Haben sie sich einmal ihrer Angst gestellt, merken sie, dass sie daran „nicht sterben“. Nach einigen Sitzungen sinkt dann ihre Angst merklich ab.

Mit anderen Ängsten ist es nicht anders. Wenn wir der Angst vor dem Trennungsschmerz mit Flucht, Verleugnung oder Ablenkung begegnen, berauben wir uns der Erfahrung, dass wir an diesem Trennungsschmerz „nicht sterben“ werden. Ohne Frage, Trennungsschmerz bringt uns mit den dunkelsten Seiten unseres Seins in Berührung – wir fühlen uns so verletzbar wie sonst kaum. Haben wir uns dem aber einmal ausgesetzt, erfahren wir, dass unsere Verletzlichkeit kein Zeichen von Schwäche ist. Im Gegenteil – sie wird zu einer Quelle der Kraft. Susan Piver schreibt dazu in ihrem Buch „Die Weisheit eines gebrochenen Herzens“:

„Ein gebrochenes Herz eröffnet vielen Leuten ganz plötzlich den Zugang zu einem tief greifenden Seelenszustand. Es mag dir nicht gefallen, aber diese „Dunkle Nacht“ stürzt dich in ein Zwiegespräch mit den vordringlichsten Fragen des Lebens.“

Welche Fragen könnten das sein? Piver fragte sich nach der bewussten Begegnung mit ihrem Schmerz, was Liebe wirklich ausmacht. Sie erkannte, dass sie danach zu einer tieferen Liebe fähig war als zuvor. Doch dies ist nur eine der vielen Fragen des Lebens. Manche andere machen sich auf die Suche danach, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist. Sie lernen ihre Bedürfnisse stärker zu spüren. Wieder andere entdecken ihre Resilienz – die eigene Kraft mit Herausforderungen im Leben zurecht zu kommen. Die Bandbreite an Lernerfahrungen sind so zahlreich und individuell wie es die Menschen selbst sind.

Dem Schmerz begegnen

Doch wie genau können wir uns der Angst vor dem Schmerz stellen? Es ist ja nicht so offensichtlich, wie bei einer Höhenangst einen Turm zu besteigen. Der Schlüssel liegt darin, in dem Schmerz präsent zu sein. Ihn zuzulassen und ihn als angemessene Reaktion auf eine schmerzhafte Erfahrung anzuerkennen. Unser Körper hat dafür eine hervorragende Funktion entwickelt – unsere Tränen. Leider gelten diese in unserem Kulturkreis als Zeichen von Schwäche. Höchstens Kindern und Frauen werden diese zugestanden. Erwachsene Männer wird diese Eigenschaft sehr früh abtrainiert. Wir denken, wenn wir lange genug den Schmerz unterdrücken, dann wird er schon verschwinden. Leider ist dem nicht so. Entweder bahnt sich der Schmerz einen anderen Weg und äußert sich in psychosomatischen Beschwerden, wie Kopfschmerzen, Magenverstimmungen und Schlafstörungen oder er „platzt“ in einer ungünstigen Situation auf, wie ein Ball, dem man lange versucht im Wasser runterzudrücken.

Im Schmerz präsent zu sein heißt, diesen zu erkennen, zu spüren und ihm den Raum zu geben, den es braucht. Piver beschreibt es auf eine wundervolle Art und Weise:

„Ein gebrochenes Herz musst du, genau wie ein schreiendes Baby, einfach akzeptieren, wie es ist. Dann beginnt es sich augenblicklich zu beruhigen. Du wirst eine unglaubliche Erleichterung verspüren, sobald du aufhörst gegen deinen Schmerz anzukämpfen.“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie das hier lesen. Aber das erste Mal, als ich das las, habe ich innerlich protestiert. Was soll das heißen? Soll ich mich einfach meinem Schmerz willenlos hingeben? Und überhaupt! Was heißt hier einfach? Die Frau hat wohl nicht begriffen, wie schlimm es mir geht!

Nach einiger Zeit hab ich aber dennoch den Mut gefasst, mein „innerlich schreiendes Baby“ in den Am zu nehmen und es liebevoll zu trösten, bis es aufhörte zu schluchzen. Dieses Bild half mir unheimlich und ich begriff:

„Die Dinge loszulassen bedeutet nicht, sie loszuwerden. Sie loslassen bedeutet, dass man sein lässt.“

Ich hörte auf zu versuchen meinen Schmerz loszuwerden. Stattdessen ließ ich ihn sein. Und siehe da … ich erkannte, was es heißt, wirklich loszulassen.

1 Kommentar

  1. Laura

    Vielen Dank für diesen schönen Text über ein eher trauriges, aber dennoch sehr wichtiges Thema. Trennung ist selten schön und leicht, vor allem wenn noch Kinder daran beteiligt sind. Ab und zu muss man sich auch an einen Anwalt wenden. Meine eigene Trennung habe ich damals auch versucht, als ein Lernerfahrung zu sehen, und mir war es eine große Hilfe. Die Angst vor Schmerzen war eigentlich bei mir viel größer, als der Schmerzen selbst. Ich hoffe, dass andere in dieser schwierigen Situation den Mut und die Kraft haben, dem Schmerz zu begegnen und sich wieder zu heilen. Liebe Grüße, Laura

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