Was uns verbaut, eine echte Intimität zu leben

von | Jul 21, 2017

Mir liegt noch eine Doku-Reihe im Nacken, die ich gestern zu Ende gesehen habe. Es ging darum, wie Medienkonsum unser Beziehungsleben beeinflusst. Künstlich hergestellte Szenarien, die eine echte Intimität durchkreuzen. Ich denke nicht, dass Medien etwas völlig neues entstehen lassen. Viel mehr sind sie ein Produkt dessen, was bereits in uns liegt: Die Angst wahrhaftig gesehen zu werden, so wie wir sind, mit all unseren Fähigkeiten und unseren Schwächen. Der gerade intensive Blick in unser Herz und all das, was wir so gut zu verbergen meinen. Angenommen uns trifft ein solcher Blick, ein jener der uns sieht. Würden wir den Blick senken wollen, da wir doch so viel Schmerz in uns tragen, soviel Scham, wir selbst zu sein und so viel Angst, nicht mehr mit Anerkennung und Wertschätzung, sondern mit weniger Liebe, Verachtung gar, angesehen zu werden? Würden wir der Prüfung standhalten, all den Erwartungen gerecht zu werden, die das Leben, ihre verschiedenen Rollen als Elternteil, Arbeitnehmer*innen, als Freunde, als attraktive und erfolgreiche Menschen, als gesunde Körper, von uns fordert?

Die Errichtung einer Mauer

Vermutlich wäre es unangenehm. Vielleicht sollten wir das Risiko lieber nicht eingehen, gesehen zu werden, wie wir sind. Weiß Gott, was die Menschen, die zu all den Gräueltaten dieser Welt fähig sind, mit unserer Verletzlichkeit anstellen. Ja, richtig… Wir könnten Mauern bauen, die unser Innerstes schützen! Jeder Stein für jede Kränkung, die uns wiederfährt, jedes höhnischen Grinsen, dass uns die Freude aus der Seele raubt und uns beschämt und verletzt zurücklässt, für jedes Mal, wenn uns das Gefühl allein zu sein, überrennt.

Doch irgendwie scheint uns auch das nicht zu retten. Da ist so viel Schmerz in der Welt. Das Bedürfnis nach Nähe, Zuneigung, Wertschätzung, Liebe und Verbundenheit und dann die Masken dazwischen. Sie wollen uns schützen, die Grenzen, die wir uns selbst auferlegen. Doch die Grenzen machen einsam und der Schmerz bleibt doch letztlich nicht aus. Er ist gleichsam da, ob vor oder hinter der Mauer. Manchmal verändert er bloß seine Form und der Schatten, den er wirft, zeigt sich in Unzufriedenheit und dem matten Gefühl, nicht das Leben zu leben, was wir uns so sehr im Herzen wünschen.

Die Bedürfnisse dahinter

Ein Leben, in dem wir unser selbst Willen geliebt und geschätzt werden. Weil wir eben die Person sind, die sich tief im Innern zurückgezogen hat. Doch da ist diese Angst. Sie erlaubt es nicht, die Fühler auszustrecken und zu erfahren, wie es den anderen einsamen Menschen außerhalb unserer Grenzen geht. Sie beraubt uns so viel, so viel von der Lebensenergie und der Freude, die erlebt werden kann, wenn wir es wagen unseren Blick auf uns selbst zu richten. Uns zu erkennen, unsere Bedürfnisse und Sehnsüchte zu begreifen und uns den anderen zu öffnen.

Die Fähigkeit der Verbindung

Was, wenn wir die Fähigkeit erlernen oder wiedererlernen würden, sich auf Augenhöhe zu begegnen, aus einer solchen Entfernung, die es erlaubt nicht ein voll Fantasie geschwängertes Produkt, sondern den Menschen mit all seinen Lichtern und all seinen Schatten zu betrachten? Wenn wir erkennen würden, dass alle Menschen um uns herum, ihr Päckchen tragen, sie Dinge tun, die verletzen, weil auch sie Verletzungen in sich tragen, sie Schwäche verurteilen, weil sie die eigenen nicht ertragen. Was, wenn wir anfangen würden, uns als Menschen zu begegnen, die sein dürfen? Was, wenn die Erkenntnis, wahrhaftig gesehen zu werden, so befreiend ist, dass wir zum ersten Mal dem Gefühl begegnen, geliebt zu werden, weil wir gerade diese Person, mit diesen Stärken und Schwächen sind? Wir wären dann nicht bloß eine Konstruktion, des Gegenübers, der uns nur zur Hälfte kennt und sich ein Bild von uns ausmalen muss, ohne unsere Grundfarben zu kennen, ohne der Vielseitigkeit vertraut zu sein, die uns ausmacht, die unsere Besonderheit markiert. Was ist, wenn wir das Bild von uns selbst, abstauben und ihm wieder neues Leben einhauchen, in dem wir die Vielfalt zelebrieren, die in uns wohnt?

Die Geschenke des Lebens

Die Begegnungen in unserem Leben als Geschenk zu betrachten, als Möglichkeit, wirklich verstanden und geliebt zu werden, ist vermutlich der erste Schritt. Wenn wir uns selbst sichtbar machen, eröffnen wir die Gelegenheit, dass andere uns sehen können. Dadurch, dass wir uns zeigen, wie wir sind, lassen wir eine authentische Beziehung zu, eine Bindung die viel weniger mit Erwartungen, als mit Neugier und Offenheit gewoben wird.

Der Zugang zu sich selbst

Wenn wir den Mut finden, in uns selbst zu blicken, uns zu erkennen und zu erfahren, beginnen wir, eine authentische Beziehung zu uns selbst zu pflegen. Zu pflegen, weil jede Beziehung, die Aufrichtigkeit anstrebt, viel Hingabe und Zeit bedeutet, sie muss mit Rückschlägen rechnen, weil der ein oder andere Gedanke, noch immer mit Scham behaftet ist und sich lieber verstecken möchte. Oder die eine oder andere Wunde, noch Zeit für ihre Heilung braucht. Geben Sie sich diese Zeit, seien Sie so liebevoll zu sich selbst und Ihren Schwächen, wie Sie sich dies von anderen Wünschen würden.

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