Arbeiten mit Hypothesen!?

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Meine erste Begegnung mit Hypothesenbildung war eher ein unliebsames Aufeinandertreffen. In der Weiterbildung zur systemischen Beratung wurde uns die Hypothesenbildung im ersten Block als Grundlage systemischer Arbeit vorgestellt. Meine Abneigung wuchs mit jeder Übung, in der wir Hypothesen anhand von wenigen Informationen bilden sollten. Ganz frei drauf los.

Was sind Hypothesen?

Hypothesen sind neutral definiert unbewiesene bzw. vorläufige Annahmen. Der Übergang vom Alltäglichen in ein Beratungskontext scheint erstmal fließend: Für gewöhnlich bilden wir ständig Hypothesen. Kaum begegnen wir einem Menschen, haben wir ein Bild im Kopf, eine Vorstellung wie diese Person so ist, was sie mag, wo sie gerne in den Urlaub hinfährt, ob sie den Müll trennt oder nicht. Wir brauchen nicht viele Anhaltspunkte, um zu spekulieren.

Hypothesen in der systemischen Arbeit

In der systemischen Arbeit dienen Hypothesen dazu, Ideen zu generieren, warum Dinge so sind, in welchen Zusammenhang sie stehen und welches Muster sie wiederholen. Hypothesen werfen sozusagen einen Scheinwerfer auf eine denkbare Erklärung und ermöglichen so, sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen. Im besten Fall regen sie an, neues wahrzunehmen oder die Perspektive auf bestimmte Themen zu ändern. Die Klient*innen werden angeregt, die vorgeschlagenen Hypothesen zu verwerfen, wenn diese als nichts nützlich wahrgenommen werden. Dabei geht es nicht darum, die richtigen Hypothesen zu finden, sondern durch eine Vielzahl an Hypothesen eine Vielzahl von Perspektiven zu erzeugen.

So weit so gut.

Die Wirkmächtigkeiten von Hypothesen

Doch hier wird mit der Wirkmächtigkeit von Annahmen, meiner Meinung nach, sehr leichtfertig umgegangen. Abgesehen davon, dass alltägliche Unterstellungen uns schon viele Male auf ganz falsche Fährten gelockt haben, können solche Mutmaßungen für ziemliche Begrenzungen sorgen. Wer sich schon einmal mit Studien auseinander gesetzt hat, weiß, wie sehr die Forschungsfrage das Ergebnis einer Untersuchung beeinflusst, nicht nur weil sie selbstredend steuert, sondern auch weil sie einen bestimmen Fokus auf die Untersuchung legt. Die Hypothesen, die eine solche Frage begleiten sind unfassbar wirkmächtig.

Die gleiche Wirkmächtigkeit entsteht bei der Hypothesenbildung innerhalb einer Beratung. Sobald wir nicht nur annehmen, sondern auch aussprechen, dass der Konflikt zwischen Mutter und Tochter darin begründet sein kann, dass xy, legen wir den Fokus auf diese Erklärungsmöglichkeit und blenden die anderen Möglichkeiten aus. Der Rest bleibt sozusagen im Dunklen. Das Problem, was ich sehe, liegt nicht an den Vorschlägen selbst. Vielmehr geht es darum, wie solche Vorschläge wirken.

Annahmen, einmal ausgesprochen befinden sich mit im Raum und wirken auf das Gespräch, auf die Gedanken, auf die Verstehens-Prozesse und Erklärungsversuche.

Dadurch, dass Gesagtes nicht mehr rückgängig gemacht werden kann (höchstens können wir es ergänzen durch Relativierungen, Erklärungen oder Ähnlichem), kann es uns auf vielfältige Weise beeinflussen. Wir konzentrieren unsere Aufmerksamkeit auf das, was vorausgeahnt wurde und übersehen alles andere drum herum.

Hypothesen in unserer Beratung

Daher arbeite ich ungern mit Hypothesen. Sie lenken zu sehr, auch dann, wenn sie nur als Vorschläge verpackt, in das Gespräch mit einfließen. Viel lieber nutze ich mein erlerntes Nicht-Wissen. Ich bin mit meiner Person, meiner Haltung und meiner Kompetenz eine Begleiterin, die es vorzieht nicht vorzugeben, sondern zu unterstützen. Mit bestimmten Methoden helfe ich die Lösung, die die Klient*innen in sich tragen, zu finden. Und wenn Hypothesen in der Beratung gebildet werden, dann von den Klient*innen selbst als Expert*innen ihres Lebens..

Focusing

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